Patagonien

El Calafate: Perito Moreno Gletscher

Der heutige Tag startet exakt so wie der gestrige: der Wecker klingelt um kurz vor 6:00 Uhr, wir schmeißen ein paar Eier in die Pfanne und schmieren uns ein paar Brote, spülen fix das Geschirr und laufen dann zum Hotel Cyan, unserem Pickup-Platz für den Ausflug.

Dort werden wir wieder von einem Bus aufgesammelt — heute soll es zum Perito Moreno Gletscher gehen, wo wir mit Hielo&Aventura eine Ice Trekking Tour gebucht haben.

Der Busfahrer erscheint überpünktlich um 7:30 Uhr und es kann direkt losgehen.

Im Gegensatz zu unserer gestrigen Tour wird uns heute ein richtiges Gruppenreise-Feeling vermittelt, was schon bei der Busfahrt beginnt: Gefühlt immer dann, wenn der Fahrer Entzugserscheinungen verspürt, hält er an und verkündet, wir könnten jetzt draußen ein paar Minuten lang an einem tollen Viewpoint ein paar Bilder machen.

Zu sehen gibt es für unseren Geschmack da eigentlich nie etwas besonders Aufregendes, aber der Fahrer kann sich halt seine Dosis Mate-Tee reinziehen, während alle draußen wie verrückt fotografieren.

Vielleicht sind wir ja durch unsere Eindrücke der letzten Wochen schon zu verwöhnt, als dass uns diese Aussichtspunkte noch megamäßig beeindrucken würden, aber für uns bestätigt sich mal wieder: Gruppenreisen, bei denen der Busfahrer entscheidet, wo und wie lange angehalten wird, sind einfach nichts für uns nix

Am Eingang zum Nationalpark los Glaciares kommt ein Ranger durch den Bus und kassiert den Eintritt. Da wir noch unsere Tickets von der gestrigen Tour zur Estancia Cristina haben, müssen wir nur die Hälfte zahlen thumbsup

Weiter geht’s, aber nicht für lange. Nach ein paar Minuten Fahrt kommt schon die nächste Unterbrechung. Fünf Minuten werden angesetzt für eine kollektive Pinkelpause, die auch alle brav wahrnehmen — aber bei mittlerweile sechs weiteren Tour-Bussen die hier anhalten und nur einer Toilette bildet sich bei den Damen schnell eine Riesenschlange und so werden aus den fünf Minuten mal eben rasch zwanzig.

Aber immerhin die nächste Gelegenheit für eine Dosis Mate-Tee für den Busfahrer wink

Irgendwann kommen wir dann tatsächlich im Hafen Bajo las Sombras an und steigen auf das Schiff, mit dem wir in einer 20-minütigen Fahrt den Lago Rico überqueren. Dabei können wir schon erste eindrucksvolle Blicke auf die Südwand des Perito-Moreno-Gletschers werfen.

Die Leute an Bord sind ziemlich aufgeregt, als die ersten Spitzen des Gletschers in Sicht kommen. Es wird gedrängelt und jeder versucht, die beste Selfie-Position zu erhaschen, die dann auch standhaft verteidigt wird. Das war bei der gestrigen Bootsfahrt zur Estancia Cristina deutlich angenehmer, da hat jeder irgendwann auch wieder Platz gemacht.

Wir nehmen es gelassen, es werden noch ganz andere Perspektiven auf den Gletschergiganten kommen…

Gegen 11:00 Uhr legen wir schließlich an und das Abenteuer Ice Trekking kann beginnen. Wir werden in Gruppen zu etwa 20 Personen aufgeteilt und erhalten von unseren Bergführern zunächst einen kurzen Vortrag über Gletscherkunde.

Der Perito Moreno Gletscher ist an der Front zwischen 70 und 80 Metern hoch und er ist besonders dafür berühmt, dass er allen Folgen des Klimawandels zum Trotz beschlossen hat, weiter zu wachsen.

Das liegt wohl vor allem daran, dass das Nährgebiet des Gletschers mit etwa 70 Prozent deutlich größer ist als Zehrgebiet und der Gletscher somit im Winter mehr wächst, als er im Sommer abtaut. Er schiebt sich jeden Tag etwa 40 Zentimeter weiter in den Lago Argentino hinein, wobei es unentwegt zu Abbrüchen von riesigen Eisnadeln kommt, die dann mit viel Getöse in den smaragdgrünen See stürzen und so zu neuen Eisbergen werden.

Nach den einleitenden Erklärungen geht es dann endlich los zum Eis.

Wir bekommen von den Bergführern Steigeisen angeschnallt und erhalten Anweisungen, wie wir damit auf dem Eis laufen sollen.

Es handelt sich zwar nicht gerade um die neuesten Modelle — sie sind sauschwer und fühlen sich an wie aus den 19. Jahrhundert — aber für die 90 Minuten auf dem Eis wird es schon gehen.

Am Anfang ist das Laufen mit den Steigeisen noch etwas gewöhnungsbedürftig. Jeder Schritt ist eine Konzentrationsfrage und wir staksen etwas unbeholfen mit den Stacheln an den Füßen über den Gletscher. Doch die Bewegungen mit dem ungewohnten Schuhwerk werden recht schnell sicherer und insbesondere die Public-Toilet-Position beim Abwärtsgehen beherrsche ich bald perfekt wink

Der Perito Moreno leuchtet dabei keineswegs nur in strahlendem Blau und Weiß, wir man es vielleicht erwartet, wenn man ihn nur aus der Ferne sieht. Aus den Anden kommend bringt er jede Menge Gesteinsmaterial mit sich, weshalb der Untergrund an vielen Stellen so schmutzig und grau ist, dass er kaum als Eis zu erkennen ist.

Wir haben viel Spaß bei der Wanderung auf dem Gletscher und können unterwegs eine Vielzahl an Eisformationen, Rissen, Gletschermühlen und kleine Lagunen bewundern.

Nach eineinhalb Stunden ist das Mini Trekking dann vorbei und es gibt zum Abschluss noch stilvoll einen Whiskey mit echtem Gletschereis:

Es gäbe beim gleichen Anbieter auch eine Big Eis Tour, die etwa doppelt so lange dauert und die noch tiefer in den Gletscher hinein führt. Bei diesem würde man noch ganz andere Eisformationen, Lagunen und Wholes sehen können und das wäre für uns eigentlich die attraktivere Variante gewesen.

Leider gibt es für diese Tour aber eine sehr strikte Altersbeschränkung. Ab 50 zählt man zu den Oldies und darf nur noch beim Mini Trekking mitmachen, egal wie fit man tatsächlich ist. Diese Beschränkung wird wegen der Sicherheitsbestimmungen auch sehr konsequent eingehalten.

Nach dem Trekking geht es zurück zum Refugium, wo wir eine reichliche Stunde Mittagspause haben. Wir essen unseren mitgebrachten Lunch, genießen die Sonne und beobachten weitere Gletscherabbrüche, bis wir irgendwann mit Boot und Bus zur Nordwand des Gletschers fahren.

Hier können wir noch eine reichliche Stunde lang die erstaunliche Panorama-Landschaft des imposanten Gletschers von verschiedenen Ebenen und Stegen der Aussichtsplattformen aus besichtigen.


Gegen 16:15 Uhr fahren wir schließlich mit dem Bus wieder zurück nach El Calafate und verschlafen die 90-minütige Fahrt völlig — geplättet von den vielen Eindrücken des heutigen Tages.

In El Calafate gehen wir noch einmal in’s Restaurant La Zaina, wo wir vor zwei Tagen so begeistert waren und auch diesmal werden wir nicht enttäuscht. Wir nehmen die gleichen Vorspeisen und als Hauptgang Forelle für mich und geschmortes Lamm für Andreas. Beides ist wieder extrem lecker yummy

Zurück in unserer Unterkunft plaudern wir noch ein bisschen mit Daniela, der Betreiberin, und packen dann schon ein bisschen unsere Taschen zusammen.

Als wir gerade ins Bett gehen wollen, klopft es noch einmal an der Tür und Daniela bringt uns frischgebackene Waffeln mit Sahne und Dulce de Leche vorbei. Furchtbar nett und furchtbar lecker — zum Glück haben wir im Restaurant heute auf den Nachtisch verzichtet wink